Anlage 2
 
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1. Experimentelle Lehrpraxis

Die Zeit zwischen den hochschuldidaktischen Werkstattseminaren kann mit unterschiedlichen Aktivitäten gefüllt werden (vgl. Anlage 3). Schon nach dem ersten Seminar besteht meist der Wunsch, neue Ideen auszuprobieren. Dies ist dringend zu empfehlen, wenn das gerade Gelernte nicht wieder verblassen und in Vergessenheit geraten soll. Diese Phase im Programm wird als „experimentelle Lehrpraxis“ bezeichnet. Darunter wird die Verknüpfung des in den Werkstattseminaren erworbenen Wissens und Könnens mit der eigenen Alltagspraxis der Lehre in Vorbereitung, Durchführung, Auswertung und Nachbereitung sowie die (selbst) kontrollierte, evtl. kollegial organisierte Erprobung in der eigenen Lehre verstanden. Erfahrungsgemäß muss diesem Transfer in die Praxis besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden, verbunden mit mehreren Varianten kollegialer Verarbeitung der Erfahrungen, denn es hat sich als ganz besonders wirksam erwiesen, die eigenen, frisch gemachten Lehrerfahrungen (insbesondere auch Vorfälle) kollegial besprechen zu können. Der Transferversuch neuer Lehrmethoden oder didaktischer Ansätze kann gelingen, mit Einschränkungen mäßig verlaufen oder misslingen. In allen drei Fällen ist es für Erfahrungslernen wichtig, die Gründe zu ermitteln. Für unbefriedigende Ergebnisse können mehrere Ursachen in Frage kommen, z.B.: Die Methode war richtig verstanden, auf die richtige (geeignete) Situation angewandt, aber bei Einführung (Erklärung) oder Durchführung wurden Fehler gemacht; oder die Situation war dafür ungeeignet, oder die Methode nicht richtig verstanden usw. Um dies herauszufinden und Lösungen zu entwickeln, ist nicht nur die kollegiale Hilfestellung nützlich und eine Lernsituation für alle, sondern auch die des Moderators, der die Methode in vorangegangenen Werkstattseminaren vorgestellt hatte. Daher wird vom Moderator - wo immer das möglich ist - ein Kolloquium dazu angeboten.
Diese Praxisphase besteht in ihrer IWBB-Variante aus 5 Elementen und soll möglichst in Gruppen der Teilnehmer aus dem ersten Seminar organisiert werden:

  1. Dokumentierte Erprobung didaktischer Ansätze (aus den Werkstattseminaren)
  2. Wechselseitiger Besuch von Lehrenden in ihren Lehrveranstaltungen (Hospitation)
  3. Kollegiale Fallberatung
  4. angeleitetes Lektürekolloquium
  5. schriftliche Reflexion der Erfahrungen.

Zu 1: Dokumentierte Erprobung didaktischer Ansätze (aus den Werkstattseminaren)
Die gerade in den Werkstattseminaren frisch aufgenommenen Anregungen in den eigenen Lehrveranstaltungen auszuprobieren und auf diese Weise in einer „experimentellen Lehrpraxis“ zu verarbeiten, ist typisch. Das erste Praxiselement besteht daher im einzelnen in der dokumentierten und reflektierten Erprobung von didaktischen Ansätzen (nach freier Wahl) aus den o.g. Werkstätten in einer selbst gestalteten, alltäglichen Lehrveranstaltung. Eine solche Erprobung muß auf dem Weg zum Zertifikat mindestens einmal stattfinden. Zur Dokumentation zählen a) der Ankündigungstext im kommentierten Veranstaltungsverzeichnis, b) der Semesterplan (Verteilung der Themen über das Semester), c) die ggfls. von den Lehrenden für die Studierenden bereitgestellten, dokumentierten Materialien (und evtl. eine Auswahl der Produkte der Studierenden), d) eine vernünftig angelegte Veranstaltungsbewertung durch die teilnehmenden Studierenden und e) ein auswertender Erfahrungstext auf wenigen Seiten darüber, was erprobt wurde, wie das angelegt war, welche Ziele dabei verfolgt wurden, welche Erfahrungen aus Sicht der Lehrenden nun vorliegen und was künftig möglicherweise anders gemacht werden soll. Diese dokumentierte Erprobung ist der Stelle einzureichen, die das Modul bestätigt.

Zu 2: Wechselseitiger Besuch von Lehrenden in ihren Lehrveranstaltungen (Hospitation)
Diese praktische Erprobung des Gelernten kann ideal mit einem wechselseitigen Besuch von Gruppen der Seminar-Teilnehmer/innen in ihren Lehrveranstaltungen verknüpft werden (Hospitation). Die Wechselseitigkeit dient nicht nur einer Parität der Öffnung von Veranstaltungen, sondern dient vor allem dem Perspektivenwechsel aus der eigenen Beobachtung anderer Veranstaltungen und dem Beobachtet werden in der eigenen. Die Hospitationen sind von ausführlichen Vor- und Nachbesprechungen begleitet. In der Vorbesprechung werden die Beobachtungswünsche der besuchten Person und der Kollegen gesammelt, geordnet, ergänzt und als Beobachtungsaufträge an die Gruppenmitglieder verteilt (vgl. Merkblatt zur Entwicklung von Hospitationsfragen). Die Nachbesprechung folgt den Feedback-Regeln einer fairen, differenzierten und ausgeglichenen Rückmeldung und Auswertung des Beobachteten. (Zur Organisation dieser Hospitation können weitere Hilfen zur Verfügung gestellt werden).

Zu 3: Kollegiale Fallberatung
In der kollegialen Fallberatung besteht die Möglichkeit, (vor allem krisenhafte) Ereignisse aus den eigenen Veranstaltungen, die weiterer Analyse und evtl. praktischer Optimierung bedürfen, in eine kollegiale Besprechung ein zu bringen. Dort findet eine (i.d.R.) mündliche Aufarbeitung des Ereignisses statt.

Zu 4. Angeleitetes Lektürekolloquium
Gleichzeitig ist es notwendig, die gerade kennengelernten Inhalte auch theoretisch anhand von Literatur zu systematisieren und zu vertiefen. Nur so kann es zu einer hochschuladäquaten Professionalisierung kommen. Die Theorie-Anteile in den Seminaren sind - auch auf Drängen der Teilnehmer - zu gering und erlauben keine gründlichere Beschäftigung z.B. mit den Lerntheorien. Auch dient das Lektürekolloquium dazu, einen Teil des umfangreichen Materials (vor allem der vertiefenden Aufsätze) tatsächlich zu lesen und zu besprechen.

Zu 5. Schriftliche Reflexion der Erfahrungen
Erfahrungen werden erst durch sorgfältige Reflexion zum Lernen und führen zu Veränderungen. Daher kann der Erfolg durch vertiefende Fragen (wie in der Übung: “Ich packe meinen Koffer...”) wesentlich gesteigert werden. An dieser Stelle des Programms werden 2 bis 4 Seiten Text darüber erwartet, wie die Anstöße aus dem ersten Modul in bisherige Erfahrungen, Überzeugungen und bevorstehende Praxis eingeordnet werden.
Diese Tätigkeiten, die schwerpunktmäßig nach dem ersten oder dem zweiten Werkstattseminar oder nach beiden platziert werden können, sollten innerhalb der experimentellen Lehrpraxis auch in eine sorgfältig (auch kollegial) begleitete “Lehrprobe” münden, die auf die Lehrprobe im Habilitationsverfahren bzw. auf Probelehrveranstaltungen in künftigen Berufungsverfahren vorbereiten.


2. Schriftliche Planung einer Semesterveranstaltung

Im Anschluss an das Planungsseminar sollte anhand der dort behandelten Planungshilfe (ein Fragenkatalog, der abgearbeitet werden kann) eine Semesterveranstaltung in schriftlicher Form geplant werden. Das Ergebnis umfasst erfahrungsgemäß ca. 18-24 Seiten Text. Dies ist auch eine nützliche Vorbereitung sowohl für die Probelehrveranstaltung im mündlichen Teil der Habilitationsleistung, als auch eine gute Vorübung für die Studiengangsbezogene Veranstaltung, die heute in vielen Berufungsverfahren verlangt wird.
Alle Beteiligten haben bisher erklärt, sie hätten ihre Veranstaltungen ganz anders reflektiert als bisher und hätten bei dieser Übung außerordentlich viel gelernt.